Leipziger Volkszeitung vom 9. Dezember 2002:

Filmische Hommage an Leipziger Osten uraufgeführt

Das wünscht sich jeder Filmemacher: So groß war der Ansturm am Sonnabend in der naTo, dass HTWK-Professor Bernhard Wutka und Kameramann Thomas Doberitzsch „Die Liebe zum Schrott und andere Leidenschaften” gleich zweimal uraufführen mussten. Ihr 80-minütiger Dokfilm ist eine Liebeserklärung an Leipzigs Osten - ein Stadtteil im Umbruch, der für seine Zukunft alles braucht, nur keine weiteren Schreckensmeldungen.

Händler wie „Messer-Müller”, die sehr spezielle Agentur „Reisevogel”, die Palästinenser im Lokal „Arabisk”, die indische Sikh- Community, Fixer und Streetworker - Wutka und Doberitzsch haben sie alle befragt und ihren Alltag mit der Kamera festgehalten: „Die Leute hier sind oft viel zufriedener, als man annimmt”, erzählte Pasolini-Fan Wutka, der sich für Stadtsoziologie begeistert und das künstlerische Potenzial von Technik-Studenten fördern will. „Erst wenn man die Lebensrealität von Bewohnern begreift, weiß man, was einen Stadtteil ausmacht.”

Das Rohmaterial für den Streifen sammelten angehende Diplomingenieure für Medientechnik der Hochschule ursprünglich für den vom Programm „Soziale Stadt” geförderten Streifen „Ansichten Leipzig Ost”. „Wir haben noch ein Jahr länger gedreht, um noch tiefer eindringen zu können”, so Wutka. Der Einblick, den der Streifen erlaubt, ist glaubwürdig, seine Sprache unaufgeregt doch deutlich. Hier wird abgebildet und nicht verurteilt, auch wenn der Zuschauer etwa über den Skin, der gegen Drogen ist, aber auf Bier und Kippen steht, schon schmunzelt. Auf unterhaltsame Weise breitet der Film ein multikulturelles Patchwork aus, dessen Flicken von den Lebenslinien der Porträtierten und Adern wie der Eisenbahnstraße mit ihren vielen An- und Verkauf-Läden und den billigen Lebensmitteln zusammengehalten werden. Nachdem der Streifen vom hiesigen Dokfilmfestival verschmäht wurde, versucht Wutka ihn nun bei europäischen Festivals unterzubringen. Im Januar läuft er erneut in der naTo.

Dort waren am Sonnabend einige der Protagonisten wie Sammler Werner Seifert („Meine Frau ist der Schrott”) zugegen. Und sein Schicksal zeigte, dass der Film mit Fiktion nichts zu tun hat: „Wenn man Darsteller zur Uraufführung sozusagen erst aus dem Müll holen muss, das ist schon tragisch”, meinte Wutka. „Wir waren glücklich, dass wir ihn gefunden haben”, sagte der Filmemacher angesichts des frostigen Wetters und wünschte sich: „Armut darf kein Tabu werden.”

I. Rosendahl

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